Neue Perspektiven

Podcastfolge #57

Erfahren Sie, was ich aus dem Umgang mit meiner Tochter beim Kinderzimmer Streichen für die Führung meines Arbeitsteams gelernt habe.

Podigee

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Kinderzimmerstreichen mit Tochter

Neulich hat mich meine Tochter gefragt, ob wir ihr Zimmer in einer neuen Farbe streichen können. Da nichts dagegensprach, sind wir gemeinsam in den Baumarkt gefahren und haben alle nötigen Utensilien gekauft. Als wir dann in die Abteilung der Farben gegangen sind, habe ich sie gefragt, in welcher Farbe sie das denn haben möchte. In vorherigen Gesprächen war ihr die Farbe egal gewesen, aber als wir nun vor der Farbpalette standen, hat sie sich für ein dunkles Grün entschieden.

Über die Wahl war ich relativ schockiert, weil ich angenommen hatte, Mädchen im Alter von elf Jahren möchten entweder alles in Rosa haben oder eben in Weiß, aber auf jeden Fall nicht in Grün. Nach einem Vorschlag meinerseits haben wir uns dazu entschieden, die grüne Farbe mit einer weiteren zu mischen, sodass daraus ein Türkis entstehen würde.

Mit dem Türkis war ich persönlich aber auch nicht glücklich – mich erinnerte der Farbton an die Wandfarbe von Toiletten. Und so kam der Moment, bei dem ich mit mir selbst rang, ob ich mit meiner Tochter darüber diskutieren und ihr eine andere Farbe schmackhaft machen sollte.

Ich entschied mich aber dann dagegen und fragte sie, ob sie wirklich sicher mit der Farbe sei. Sie bestätigte es und dann haben wir die Farben gekauft. Auf der Rückfahrt vom Baumarkt nach Hause kam mir der Gedanke, dass es gut war, auf die Diskussion zu verzichten. So konnte meine Tochter ihre eigenen Erfahrungen sammeln, wie es ist, so eine Farbe als Wandfarbe im Zimmer zu haben. Und wenn ihr die Farbe in einem Jahr nicht mehr gefällt, ist das auch nicht weiter schlimm. Also war ich ein Stück weit happy und ein kleines bisschen stolz über meine Zurückhaltung im Baumarkt. Denn ich hatte ihren Wunsch vollkommen respektiert und umgesetzt.

Als das Zimmer fertig gestrichen war – mir gefiel die Farbe immer noch nicht –, fragte ich meine Tochter, ob sie das so haben will. Und ihr gefiel es tatsächlich immer noch. Doch dann wollte sie noch einen sibirischen Tiger darauf malen, ebenso einen Wolf und einen Mond dazu. Sie war sehr glücklich über ihre neue Zimmerfarbe mit den Zeichnungen darauf und damit war ich ebenfalls sehr zufrieden.

Was hat das mit dem Arbeitsalltag zu tun?

Wenn ich stattdessen mit meiner Tochter diskutiert hätte, hätten wir ein Ergebnis bekommen, das mir besser gefallen hätte, aber nicht ihr. Und das sehe ich bei meinen Kunden auch immer wieder, wenn es eine Sache zu tun gibt, die unumstößlich zu erledigen ist, weil z.B. Standards oder Regularien oder Gesetze erfordern, dass das genau in dieser Art und Weise ausgeführt werden soll.

Dann gibt es immer wieder Kandidaten, die lang und breit darüber diskutieren, warum das nicht so gut wäre, obwohl sie ganz genau wissen, dass das die Vorgabe ist. Und dieses endlose Diskutieren
endet in Kompromissen, bei denen wir versuchen, etwas gut zu reden, was eigentlich nicht gut zu reden ist.

Deshalb ist es notwendig mutig zu seinem Standpunkt zu stehen und sich in diesen Fällen auf keine Kompromisse einzuhalten, da 100% abgeliefert werden müssen.

Wenn ich die Dinge so nicht umgesetzt bekomme, wie ich mir vorstelle, dann bleibt immer dieses ungute Gefühl im Magen zurück. Irgendwas stimmt hier nicht ganz genau. Hoffentlich werde ich dabei nicht erwischt. Hoffentlich sieht keiner, dass wir nicht 100-prozentig das gemacht haben, was wir eigentlich hätten tun sollen.
Obwohl ich innerlich davon überzeugt bin, dass das richtig gewesen wäre, es zu 100% zu bringen, habe ich mich jetzt doch wieder überreden lassen. Wenn wir nicht mehr lange darüber reden, was effizient ist, sondern uns auf den Effekt konzentrieren, ergeben sich ganz neue Perspektiven und wirklich zufriedenstellende Ergebnisse.

Wenn wir dieses Projekt wollen oder gar müssen, dann brauchen wir dafür eben auch die finanzielle Ausstattung und die richtigen Mitarbeiter. Das ist ein großes Problem, das ich immer wieder in Betrieben sehe: Auf der einen Seite wollen viele Vorgesetzte eine 100-prozentige Lösung haben und die soll auch möglichst gestern eingeführt werden. Auf der anderen Seite sollen aber die Ressourcen, die jetzt vorhanden sind, reichen.

Ohne das Zugeständnis für die erforderlichen Ressourcen, wird schon von Beginn der Projektes an ein mieser Kompromiss gemacht. Wenn es dann nur zu 80%, 70% oder gar 50% umgesetzt werden kann, hat es dann überhaupt den notwendigen Effekt erzielt?

Deswegen plädiere ich ganz klar dafür, weniger über Effizienz zu reden und wie wir Ressourcen oder Gelder effizienter ausnützen können, sondern ich plädiere dafür, Effekte zu erzeugen, neue Perspektiven durch diese Effekte zu gewinnen und dann daraus zu lernen.

Wir können uns in die Lage des anderen hineinzuversetzen. So wie ich das im Baumarkt getan habe. Ich habe mir überlegt, wenn ich jetzt anfangen zu diskutieren, dann werde ich ihren Blick, ihre Perspektive auf die Welt ändern. Ich werde durch meinen Kompromiss ihr etwas wegnehmen. Ich werde ihr den Effekt wegnehmen, den sie sich vorstellt.

Und das können wir auch im Berufsleben machen. Wir können uns überlegen, was würde die Nachbarabteilung denken? Was denkt der Manager der Nachbarabteilung wirklich? Was für ein Ziel verfolgt er? Kann es sein, dass wenn wir seine Vision umsetzten, auch meine Abteilung davon profitiert?

Denn das tue ich ja im Privaten auch, wenn meine Tochter glücklich ist, dann mehr als nur ein Lächeln von ihr. Ich bekomme das gute Gefühl, dass ich etwas gegeben habe, was jemand anders wirklich wollte.

Tipps gegen sinnlose Diskussionen

▲ Perspektive des Gegenübers einnehmen und sich seine Vision bewusst machen
▲ Nicht von vornherein abblocken, sondern Bedenken und Vorgaben, die berücksichtigt werden müssen und ggf. zu einschränken führen können, mitteilen
▲ Als Team arbeiten und nicht nur auf die eigenen Vorteile bedacht sein

Aus meiner Sicht werden diese Themen, obwohl sie leicht zu verstehen sind, viel zu kurz angegangen. Stattdessen sitzen nur Egos in den Abteilungen, die gegeneinander arbeiten. Das führt dann automatisch dazu, dass ich in meiner eigenen Blase bleibe und mich dann immer nur darüber beschweren kann, dass der andere mir ja nicht zuhört.

Wenn ich möchte, dass andere Leute mir zuhören, dann muss ich erst mal selbst dafür sorgen, dass ich zuhöre. Und so können wir neue Perspektiven gewinnen.

Wenn Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Thema haben, dann kontaktieren Sie mich gerne per E-Mail, über LinkedIn oder Xing.

Herzliche Grüße
Malte Stöckert